| Reto Wehrli: Verteufelter Heavy
Metal. Forderungen nach Musikzensur zwischen christlichem
Fundamentalismus und staatlichem Jugendschutz Münster/Westfalen: Telos, 2001. 406 Seiten |
| Mit Verteufelter
Heavy Metal breche ich eine mir selbst gesetzte Regel: ich
bespreche hier ein Buch, das ich nicht ganz gelesen habe. Meine
Entschuldigung: auch ein Lexikon liest kaum jemand aus. Reto Wehrli
legt kein übliches Sachbuch vor. Es ist ein Kompendium von über
vierhundert engzeiligen Seiten. Aufgelockert von illustrierenden
Fotowiedergaben (immer in dezenter Größe) wird eine umfassende
Darstellung zum verteufelten Heavy Metal gegeben. Doch mehr noch: es
geht auch um die Beatles, die Rolling Stones und Alice Cooper und um
die Musik der Neo-Nazis. In einem eigenen umfangreichen Kapitel werden
die Gruppen beleuchtet, die Musik als Teufelswerkzeug ansehen und
dagegen vorgehen: katholische Traditionalisten, evangelische
Fundamentalisten, Zeugen Jehovas und andere. Im Abschnitt über
Musikzensur in Deutschland ist der Bogen recht weit gespannt von
Kabarettisten wie Georg Kreisler zu Popsängern wie Falco und Gruppen
wie Rockbitch. Mir gefiel besonders, daß der Autor nicht nur die Oberflächenprozesse, die sich juristisch belegen lassen, ausbreitet, sondern auch die Vorabzensur durch die Schere im Kopf beleuchtet. Die parteipolitische Dominanz in den Aufsichtsgremien unserer öffentlich-rechtlicher Sender ermöglicht Zensur schon bei der Auswahl der im Rundfunk und TV Verantwortlichen: ohne Parteibuch kommt kaum einer ans Ruder. So gab es 1988 keinen einzigen Rundfunk-Intendanten, der nicht einer Partei angehörte; davon wiederum waren alle bis auf Radio Bremen unter der Fuchtel der CDU oder CSU (S. 211). Die willkürliche Arbeit der Bundesprüfstelle für jugendgefährdeten Schriften wird besprochen. Hier wird im echten Subsidiaritätsprinzip die Zensur von den Behörden zu einer Quasi-Tochter verlagert (S. 213). Kann man da – voll des Lobes über dieses analytische und enzyklopädische Werk – noch Kritik üben? Mir fehlte eine Zusammenstellung der vereinzelt im Text genannten Werke, für die es in den Rundfunkhäusern Verbotslisten gibt. So wird immer gemunkelt, daß Reinhard Meys "Über den Wolken muß die Freiheit wohl grenzenlos sein" während der Bomberangriff im Golfkrieg zensiert war. Mir fehlte die Zensur von politischer Seite bei Hans Söllner oder der Biermösl Blosn; oder wenn Edmund Stoiber, CSU, die Kantate "Il Canto Sospeso" von Luigi Nono als Festmusik nicht mag und dann die CSU dem dafür Verantwortlichen den Vertrag nicht verlängert. Wenn man ständig den Bayerischen Defiliermarsch in Ohren hat, verträgt man anspruchsvollere Töne nicht. Rundum ein gelungenes Werk; auch für den Nicht-Schwermetaller hoch informativ. |